Absagen oder durchhalten… das ist hier die Frage….

Loriot für Chorleiter
Ein letztes großes Abenteuer scheint es für einen Chorleiter zu sein, einen Bläsergottesdienst außerhalb der eigenen Gemeinde zu organisieren….
besonders wenn man wenig für Überraschungen übrig hat und alles am liebsten bis ins kleinste Detail durchorganisiert.

16.04.2016
Es beginnt mit einer Anfrage auf dem Bezirkskonzert im Michel, als Bläser für einen gemeinsamen Gottesdienst gesucht wurden…. gefühlte zehn Bläser meldeten sich… der Weg schien bereitet… Kurze Zeit später gab es eine weitere Erinnerung in einem Schreiben zur Bezirksgründung…und nichts passiert….

4.5.2016
Eine erste, vorsichtig formulierte Erinnerungsmail über den LPW mit den genauen Daten soll in die Runde gehen, um weitere Bläser zu gewinnen…

10.05.2016
In einem freundlichen Anruf versuche ich den Verbleib der Mail zu ergründen, da sich in meinem Postfach bisher keine Kopie davon gefunden hat….
Aufgrund eines Serverfehlers hat diese Mail die Posaunenmission gar nicht verlassen… die Zeit drängt… noch 7 Tage bis zum Gottesdienst und fest zugesagt haben erst zwei Trompeterinnen außer mir…Antje und Elisabeth…
Über einen weiteren Server verlässt die Mail den Absender…keine Reaktion… ich formuliere meine persönliche Deadline, um den Einsatz abzusagen: „Donnerstag rufe ich Pastor Schultz an…“
…Eine erste schlaflose Nacht….

11.05.2016
…es tut sich etwas… eine erste SMS vom Deich… Wiebke meldet sich als Posaune für den Tenor…ein erster Lichtstrahl am Ende des Tunnels…
Doch egal, wie oft ich einen kritischen Blick auf mein Handy werfe…nichts…es schweigt…

12.05.2016
…und wieder eine verheißungsvolle Nachricht…der Leiter des Posaunenchores der Kreuzkirche Wandsbek kündigt zwei Mitbläser an…geht doch…
Als ich ihm meine Begeisterung mitteile, sagt er, dass es sich um zwei Trompeten handelt…
Ich beginne die Literatur für Hochbläser zu studieren… Fehlanzeige…nur einer der Choräle ist zu finden…

13.05.2016   ….10.15 Uhr
Mein Handy erweist sich als voll funktionsfähig…aber nichts passiert… kein Anruf, keine SMS und auch der bange Aufruf der Mails…nichts…
Ein Ensemble ohne Bass…ist wie die berühmte Suppe…nicht nur ohne Salz…nein… eher ohne Wasser…
Ich beginne, die Zeit nicht mehr in Tagen sondern in Stunden auszurechnen…der erste Ton soll in Eppendorf in 72 Stunden erklingen….

11.23 Uhr
„Ich muss es absagen…keine Chance…“…. Völlig entnervt wähle ich die Nummer von Pastor Schultz…. Natürlich nur die Mailbox….
Das Kopfkino beginnt zu starten…was ist, wenn ich absage und dann die Bläser, die im Michel zugesagt haben doch kommen…ohne sich bei mir gemeldet zu haben…
Mir bleibt nichts andere übrig, als zumindest hinzufahren…seelisch versuche ich mich bereits auf einen Soloeinsatz vorzubereiten… wohl wissend, dass dies für mich als absolutes Tuttitier weitere schlaflose Nächte bedeuten wird…

11.29 Uhr
Völlig verzweifelt wähle ich die Nummer von Daniel…voll darauf konzentriert nicht total hysterisch auf den Anrufbeantworter zu schreien…
…aber er ist persönlich am Apparat und bekommt allen Frust ab…die eigens gesetzte Deadline ist längst überschritten, alle persönlichen Kontakte zu Bläsern aus den umliegenden Posaunenchören sind ausgeschöpft und kein Notenmaterial für 5 Oberstimmen und Tenor…
Daniel wirkt beruhigend auf mich ein… und schickt noch während des Gesprächs eine Liste mit Tiefbläsern, die zumindest fürs Erste wie der berühmte Strohhalm wirkt….
Dann geht von ihm eine zweite, absolute Notfallmail raus, in der er um Aushilfe durch einen Bassbläser bittet, der schlimmstenfalls allein die Stimme übernimmt…

11.45 Uhr
Zittrig wähle ich die erste Nummer von der Liste…Jens…Bassposaunist… Ich erreiche seine Frau, die hochschwanger ihre Hilfe zusagt… und erlaubt, dass ihr Mann sie in ihrem Zustand allein lässt, auch wenn sie sicher ganz anderes diesen freien Tag geplant haben… Es gibt endlich wieder Hoffnung….

12.07 Uhr
Der Rückruf von Pastor Schultz erfolgt… Ich schaffe es nicht, den Gottesdienst abzusagen, erkläre die Problematik… Er macht mir Mut, aber wirklich glauben kann ich es nicht….

12.11 Uhr
Während ich noch mit Pastor Schultz spreche, höre ich das Anklopfen eines weiteren Anrufs auf meinem Handy… Harald, Bassposaunist… endlich wieder Hoffnung… und seine Frau, Sabine,… Trompeterin…

12.23 Uhr
Ich kann Pastor Schultz Entwarnung geben…das Ensemble steht…

12.53 Uhr
Ich liebe mein Handy… wieder eine unbekannte Nummer… Jörn H… er ist sogar bereit seinen Urlaub zu verkürzen, um Montag zu unterstützen….

13.59 Uhr
Eine SMS von Wiebke… sie bringt außer ihrer Tenorposaune Bärbel mit, die den Bass übernehmen kann… ich bin begeistert… da formt sich so etwas wie ein vollständiger Posaunenchor…

16.10 Uhr
Hans-Joachim bietet seine Hilfe an… auch er kommt eher von weiter her… Ich bin total gerührt von so viel Unterstützung… 

18.04 Uhr
Nachdem ich bereits nachmittags langsam zu einer normalen Pulsfrequenz zurückgekehrt bin, mache ich mich mit meinem Sohn auf zu einer Shoppingtour…
Augenscheinlich befinde ich mich zeitgleich in der Tiefgarage eines Shoppingcenters in der Innenstadt, wo mich der Anruf leider nicht persönlich erreicht. Anja lässt sich nicht entmutigen und spricht auf die Mailbox…
Ein Rückruf genau zur Zeit der Tagesschau kommt natürlich nicht infrage…ich teile meine Begeisterung per SMS mit und bekomme in einer supernetten Antwort Grüße von einer lange nicht gesehenen anderen Bläserin ausgerichtet…

19.01 Uhr
Ich stehe an der Kasse eines namhaften Bekleidungsunternehmens, als sich mein Handy peinlich laut mit wohlklingender Melodie zu Wort meldet….
Ich schicke meinen Sohn etwas abseits zum Telefonieren… er verabredet einen Rückruf nach unserer Rückkehr mit Jörn T., der sich ebenfalls als Bassbläser anbietet. Auch hier steht eine etwas längere Anreise aus Winsen an…super…
Inzwischen habe ich fast den Überblick verloren, wer sich alles an dem Gottesdienst beteiligt…
Voller Optimismus beginne ich mit der Herstellung der Notenhefte für 15 Mitwirkende… Wer hätte das noch vor wenigen Stunden gedacht…
Selbst ein Anruf mit einer Absage einer der Hochbläserinnen bringt mich nicht mehr aus der Fassung… eine ruhige Nacht kann beginnen.

14.05.2016
Ein Bläser, der mich bereits privat kennt, ruft auf unserer Amtsleitung an, während erneut mein Handy klingelt.
Um den Anrufer nicht zu verprellen und auf die Mailbox umzuleiten, schaltet sich jetzt auch mein Gatte…frischgestarteter Jungbläser…in das Geschehen ein…
Aufgrund seiner nunmehr erworbenen Fachkompetenz kann er Hochbläser von Tiefbläsern unterscheiden und verkündet strahlend, dass ein Hochbläser um Rückruf bittet…
Paul stößt zum Ensemble hinzu und bringt auch Simon mit… langsam wird die Gruppe wieder ausgewogen…
Fast zeitgleich kommt eine SMS von Björn, der sich sogar aus der Nähe von Kiel zu uns auf den Weg machen würde…und auch Jens meldet sich auf diesem Wege, um seine Unterstützung zu verkünden… super…

16.05.2016
Zu guter Letzt meldet sich gegen Abend Klaus, der gern mit einer Tuba das Ensemble vervollständigen möchte… wir plaudern noch ein wenig über ganz alte Zeiten… Bläserlager 1983… und freuen uns dann gemeinsam auf den morgigen Tag….

17.05.2016
Es ist soweit: der Gottesdienst kann beginnen…lustigerweise mit einem Posaunenchor, der mehr Tiefbläser aufweist, als das hohe Register bieten kann. Besonders Letzteres gibt natürlich Anlass zu einigen lustigen Sprüchen… und davon werde ich sicher bei den nächsten Begegnungen immer wieder welche hören… Conny und die Organisation des Bläsergottesdienstes…
Aber mit der Gewissheit von soviel Engagement, Einsatzbereitschaft und Hilfe im Rücken, werde ich das gern ertragen…
Dass es Bläser gibt, die sogar die hochschwangere Frau allein lassen würden, die kilometerlange Anreisen in Kauf nehmen und einen Urlaub vorzeitig beenden, um helfen zu können, hat mich wirklich sehr gefreut und berührt und dafür danke ich Euch allen ganz herzlich!

So fröhlich wie wir heute Morgen zusammengekommen sind, so gut klang auch die Standmusik…

IMG_8628

…selbst der Wind und fliegende Noten und Notenständer konnten nichts daran ändern…

Pfingsten%202016%20003

…ein wunderbarer Gottesdienst in jeder Hinsicht…